Mittwoch, 1. Juli 2020

17. Tag "Ruhetag" in Frankfurt


Es nennt sich Ruhetag, aber wir sind heute viele Kilometer gelaufen. Übrigens: von Engen bis nach Frankfurt sind wir 963 km gefahren! Unser Hotel "Plaza" ist sehr bequem und liegt zentral, sehr zu empfehlen.
Nach all dem Grün der letzten Wochen fasziniert so eine Glasfassade schon:


Hier die Orgel im Frankfurter Dom, mit riesigen Fanfaren. Ach wie schön wäre mal wieder ein Konzert, und gerne auch hier!

Es ist schon faszinierend, wenn man auf  Reisen Kirchenkunst anschaut, und die immer gleichen Geschichten in immer wieder spannenden Darstellungen ansehen kann.

Im Städel-Museum haben wir uns lange aufgehalten, eines des interessantesten Kunstmuseen, die ich kenne:



Sigmar Polke: hier stand ich lange davor und hab versucht die arabische Schrift zu entziffern. Hat leider nicht geklappt.
Und besonders gefallen hat mir die Ausstellung "En passant, Impressionismus in Skulpturen", Skulpturen im Dialog mit Gemälden. Hier der Tiger von Bugatti.


Und jetzt gehen wir erstmal essen! Bis später

Heute keine Grüne Soß' sondern Äthiopisch, sehr sehr lecker:


Und dann der Schocker im Hotel: der Aufzug ist kaputt und wir sind im 6.Stock, hoch über den Dächern von Frankfurt. Und wer glaubt, dass Radlerbeine auch gut Treppensteigen können, der hat sich getäuscht. Wir haben ganz schön geächzt.
und jetzt ist Manne dran:

Ok, nun also ich:

Heute keine Karte! Oder doch?



Könnt Ihr die Blaue Line erkennen? Links unten am Gutleuteviertel fängt sie an! Das war eine anständige Stadterkundung. 
Es ist schon einige Jahre her, als ich das letzte Mal in Frankfurt war. Da hat sich einiges geändert. Vor allem der Streit um die Altstadtgestaltung Historistisch oder die Zerstörung durch behutsame Zitate modern zu gestalten ist eindeutig für den historistischen Wiederaufba ausgegangen. Ich bin selbst auch hin und her hergerissen. Einerseits sind die neuen "alten" Gebäude durchaus ein Hingucker




Und bei Touristen durchaus beliebt. In ein paar Jahren, wenn die neuen Alten etwas Patina haben, wird Alle Welt begeistert sein von der "historischen Altstadt" - was wiederum das Problem ist!
Andererseits




eine ganze Innenstadt wie das "Stadthaus" (das Haus links), zu gestalten, einem der ersten Vorschläge, nur die äußere Form zu zitieren, aber dennoch die "Lücke" zu markieren, wäre strunzlangweilig geworden.


Der Frankfurter hat sich für sein historisches Frankfurt entschieden, und jetzt ist es eben so!

Ich muss ja zu meiner eigenen Schande gestehen, dass ich mich nicht erinnern kann bei den Besuchen Frankfurts je im Dom, in der Paulskirche oder im Goethehaus gewesen zu sein. Ausstellungen ja, und dann natürlich Demos auf dem Römer!! Da hat man sich aber eher darauf konzentriert zu schauen, in welchen Nebenstraßen die "Wannen" und in welchen die "Wasserwerfer" standen, dass man nicht in die Nähe des Schwarzen Blocks kam, wenn die anfingen die Pflastersteine auszuhebeln.
Startbahn West! Das große Thema. Auch Geschichte! Und wer weiß, vielleicht kann die Startbahn ja in ein paar Jahren "renaturiert" werden oder ein Freizeitpark, wie das Tempelhofer Feld.

Der Dom hat mich beeindruckt. Die Paulskirche auch.
Besonders das "Rundbild" von Grützke, dem Aushängekünstler der "Neuen Prächtigkeit", die haben mir damals schon gefallen.

Die großen Gestalten der Bürgerlichen Revolution umkreisen die Große Rundsäule in der Mitte des Foyers im Erdgeschoss. Alle in Schwarzen Anzügen, ein großer Beerdigungsumzug. Das Begräbnis der Ideal der Bürgerlichen Revolution. Dem Gewinnstreben, im Schweinestall, geopfert und das Volk am Straßenrand wurde ignoriert.



Die Frau mit dem Laib Brot.

Etwas ist mir heute erst so richtig aufgegangen. In der Paulsversammlung waren auch Frauen, genau 6 , wenn ich richtig gezählt habe. 



Sie sitzen links auf der Empore.

»Wo sie das Volk meinen, da zählen die Frauen nicht mit«, erklärte Louise Otto 1849 in der »Frauenzeitung«. Die 6 Frauen waren nur Deko auf der Empore! Hatten kein Stimmrecht- haben sich aber immer wieder lauthals eingebracht.

Das Goethehaus ist derzeit geschlossen. Von allen Himmelsrichtungen gibt es Schilder, aber am Haus selbst - nix, niente, nada!


Die Museumssituation in Coronazeiten ist unübersichtlich.

Gerne hätten wir die Fantastischen Frauen angeschaut.


Brav stehen wir mit 1,50m Abstand in der Schlange an, bis uns jemand sagt, dass Karten nur Online und für Zeitfenster zu haben sind, und dass frühestens am Samstag noch freie "Fenster" seien. Na toll!
Aber wie ist es im Städel. Friederike kämpft sich tapfer durch die Internetseite des Städels. Jedes der Museen in Frankfurt scheint sein eigenes Konzept zu fahren - nicht wirklich hilfreich!
Und tatsächlich für 14.00 können wir Tickets kaufen.

Bis dahin noch ein Versuch:
Im Haus der Kunstvereins scheint eine weitere interessante Ausstellung zu sein. 




Keine Schlangen, keine Vorbestellung. Doh schnell wird klar, warum dem Kunstverein niemand die Bude einrennt. Ein vielversprechender Titel und öde selbstverliebte Videokunst, bei dem einem nach 2 Minuten das Gesicht einschläft.

Das Städel, das hat Friederike schon erzählt, war dann schließlich das Highlight des Tages. Egal ob die hochkarätige Sammlung zur Moderne, oder die Sonderausstellung zur Plastik im Impressionismus, oder die "Alten Schinken" - alles Erste Sahne!!

Sehr schwer für den heutigen Blog etwas auszuwählen!! Oder auch nicht. Mein heutiges Lieblingsbild hing bei den "Alten Schinken". 

Aus dem Leben des Hl. Stephan.
Offensichtlich war er besonders begabt, den Teufel in seinen vielfältigen Formen aufzuspüren



Die Mutter ist verzweifelt, was ist bloß mit meinem Knäblein los? Tja, meine Liebe Frau Gevatterin, Ihr seht´s ja selbst. Die Hörnlein! Das ist der Leibhaftige


ab mit ihm ins Feuer!

Da haben wir ja noch mal Glück gehabt.


Da hat der Teufel doch tatsächlich Ihr Knäblein entführt, und ihn durch einen Wechselbalg ersetzt!
Kein Wunder, das die Teufelsbrut die Nächte durchgeschrien hat.

Ein perfekter Comic. Nur Schade, dass der Austausch des Kindes mit dem Wechselbalg, zu weit oben war und das Bild geglänzt hat. Aber vielleicht könnt Ihr ja trotzdem etwas erkennen.
Da erzähle mir noch einmal jemand, die Kids würden durch gewaltverherrlichende Computerspiele verdorben. Que va! Da mussten die Katholikenkinder früher viel Schlimmeres aushalten.
A propos Versuchung der Jugend Jetzt muss ich doch noch ein anderes Lieblingsbild loswerden. Mit dem Titel: "Die Jugend von den Lastern versucht" von Luca Giordano


Da spritzt Venus einen Milchstrahl aus den Brüsten auf den Jüngling, Die Tugend kann ihn gerade noch mit einem Schild abwehren, derweilen schenk Bacchus eifrig nach und der lüsterne Syphilis mit Schwären am Hinterkopf macht sich auch an ihn ran. Wer die restlichen Verführer sind habe ich noch nicht herausbekommen, in einer Blase schwebt aber schon ein kleines Knäblein heran.

So genug!

Noch ein Gedicht? Nö, kein Goethe.Zu Frankfurt gehört ja schließlich auch die Hauptwache:


1833, der "Sturm auf die Frankfurter Hauptwache", ein Versuch die "Verhältnisse" zum besseren zu Wenden. Wie man auf diesem Bild unschwer sehen kann, hat es nicht viel gefruchtet.
Viele werden die Version von Hannes Wader noch kennen, aber eigentlich sind Lieder wie dieses von Peter Rohland, wieder ins Gedächtnis gerufen worden!!

In dem Kerker saßen
zu Frankfurt an dem Main
schon seit vielen Jahren
sechs Studenten ein
Die für die Freiheit fochten
und für das Bürgerglück
und für die Menschenrechte
der freien Republik.
Und der Kerkermeister
sprach es täglich aus :
„Sie, Herr Bürgermeister
es reißt mir keiner aus!“
Aber doch sind sie verschwunden
abends aus dem Turm
um die 12. Stunde
bei dem großen Sturm
Und am nächsten Morgen
hört man den Alarm
Oh es war entsetzlich
der Soldatenschwarm
Sie suchten auf und nieder
sie suchten hin und her
Sie suchten sechs Studenten
und fanden sie nicht mehr.
Doch sie kamen wieder
mit Schwertern in der Hand
Auf, ihr deutschen Brüder
jetzt geht´s fürs Vaterland
Jetzt geht´s für Menschenrechte
und für das Bürgerglück
Wir sind doch keine Knechte
Der freien Republik!
Wenn euch die Leute fragen :
„Wo ist Absalom ?“
So dürft ihr wohl sagen:
„Oh, er hänget schon !
Er hängt an keinem Baume
er hängt an keinem Strick,
sondern an dem Traume
der freien Republik
– – – – –
Fragen sie gerühret
will er Amnestie?
Sagt, wie sich’s gebühret
Er hat steife Knie
Ihm ist nichts geblieben
als ein Verzweiflungsstreich
Demokrat zu werden
für ein freies Reich

 Es geht ein mildes Lüftchen auf dem Balkon des 6.Stock. Hinter dem Frankfurter grünen Gitterzylinder-Hochhaus, vor mir,  schaut gerade der Mond hervor, und auf den Dächern links von mir haben sich orangerote Wolken niedergelassen.
Bleibt uns gewogen- und schaut Morgen wieder rein!!
  

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