Donnerstag, 9. Juli 2020

25.Tag: Von Schorndorf nach Gingen

die Karte

Von Schorndorf im Remstal hinüber ins Filstal gibt es jede Menge Optionen. Mal mehr,  mal weniger steil; mal mehr, mal ein bisschen weniger in die Höhe. Übern Berg muss er heute, da gibt es kein vertun.
Ich entscheide mich für einmal knackig nach oben und dann nur noch abwärts. 6 km gleich in Schorndorf gleich nach dem Frühstück nach oben! In großen Serpentinen, gut zu fahren, und auf einem Rad/Gehweg, nicht auf der Straße. Das passt. Hätte ich allerdings vorher die Karte etwas genauer studiert und gesehen, dass diese Route als "Berkener Wand" bezeichnet wird, wäre ich vielleicht auf eine andere Lösung gekommen. Was absolut schade gewesen wäre. Denn oben angekommen! Wow! Was für eine spektakuläre Aussicht ins Stauferland, mit dem Hohenstaufen mittendrin. 


Es gibt Tage, wie gestern, da denke ich, das wird ein Bummeltag, mit Sightseeing und dann wird es ein Pannentag mit Umwegen.
Und es gibt Tage, da steht man auf und denkt, wie wird das heute wohl laufen? Und es wird eine absolute Traumtour trotz Bergankunft.
Oben angekommen geht eine Straße Richtung Adelberg, Bierenbach ab. Das wäre wohl die kürzere Route. Da fahren aber alle Lastwagen auch ab. Geradeaus geht es nach Oberberken/Unterberken. Da dürfen die Lastwagen nicht lang.


Das war eine gute Wahl. Schon, weil man so nett begrüßt wird. Und von hier aus geht es wirklich fast nur noch bergab! Doppelt so lang wie bergauf. Und immer wieder tolle Ausblicke.
Eine wunderschöne, aber auch eine einsame Gegend. 
Bald kommt die nächste Überraschung. Albert und die Radwegschilder lenken mich nach Unterberken in einen Wald und jetzt geht es auf Waldwegen erst richtig abbi!


Das war spektakulär! Ich bin langsam gespannt wo ich heraus komme. Sicher nicht auf der Höhe von Göppingen. Im "Nassachtal" - der "Heimat der Fröhlichen". Nie gehört. Aber wunderschön, ein waldreiches Tal mit sehr netten Bewohnern.


und dann dies:



Was habe ich nicht mitbekommen? War da wieder mal eine Zeitfalte? Bin ich in Mittelerde gelandet?
Nein, dafür ist das Haus zu groß. Das Bild täuscht ein wenig. Ein ganzes Haus aus Fundholz. Balken, Stämme kreuz und quer und ergeben doch ein Ganzes.
Ein junger Man kommt von unten aus dem Garten links vom Haus? 
"Haben Sie das gebaut?" "Nein, dafür bin ich zu jung!" Das Haus hat Kurt Gminder gebaut?"
Sicher, ein Lebenswerk" "Kann man so sagen, 20 Jahre hat er gebaut. Er lebt noch. Ist aber nicht hier." Alle Materialen sind Fundstücke und recyceltes Material.
Ich kann mich gar nicht losreißen. Ich mag diese Art von "Aussenseiter-Künstler" die ein Leben lang für etwas brennen. Kurt Gminder? muss ich meinen Schwager fragen!
Inzwischen habe ich Werner gefragt. 
Schrotthaus-Erbauer Gminder: 
Er zeigt mir einen Artikel aus der Frankfurter Rundschau (von Frankfurt aus gesehen, mag das vielleicht stimmen mit, "lebt bei Stuttgart" - ich kann Euch versichern, Stuttgart könnte nicht weiter weg sein!)

"Der Ortsvorsteher wollte mich erschießen"

Kurt Gminder lebt bei Stuttgart – in einem selbstgebauten Haus aus Schrott. Ein Gespräch über ein Leben im Müll und wieso Beuys begeistert wäre.

Ich bin auch begeistert. Das ist Radeln at it´s best! Du fährst irgendwo rum, hast keine Ahnung wo, und dann fährst du an einem absoluten Highlight vorbei und kannst gerade noch bremsen. Gebt Kurt Gminder in Eure Suchmaschinen ein! Ihr werdet staunen. Schade, dass er nicht da war! Er ist übrigens der gleiche Jahrgang wie ich! Guter Jahrgang!

Der Wächter passt gut auf Kurts Haus auf.




Die Leute im Nassachtal sind sehr freundlich. Ich habe heute 2 getroffen und die waren nicht nur fröhlich sondern auch hilfsbereit: "Ko mr helfa!" "Passt, scho!" Machets guat!"



Inzwischen weiß ich wo ich bin. Nassachmühle gehört zu Uhingen. Ok, da bin ich tatsächlich ein bisschen zu weit unten im Filstal raus gekommen. Aber dafür habe ich wirklich viel erlebt.
Und durch Göppingen wollte ich eh!
Schon um 11:00 fahre ich in Göppingen ein. Ein wenig komme ich mir vor, wie auf einer "Zeitreise". In Göppingen auf der  damaligen Wirtschaftsoberschule bin ich 3 Jahre gewesen. Erkenne ich etwas wieder? Ehrlich gesagt, nicht wirklich. Der Bahnhof, ok. Aber die Schule gibt es nicht mehr. Das muss irgendwo hier gewesen sein.



Das Göppingen vor 50 Jahren war schon nicht meine Lieblingsstadt. Wenn ich ehrlich bin, hat sich das trotz aller Veränderungen Fussgängerzonen, Radwegautobahnen und künstlichen Stadtbächle, nicht wirklich geändert. Was habe ich wieder erkannt? Den Storchen.


Und jetzt bitte keine dummen Sprüche von der letzten Reihe! Nein, so alt bin ich nun wirklich nicht!

Beim Märklin bin ich auch vorbei gekommen, aber nach Modelleisenbahnen ist mir heute nicht der Sinn. Dazu ist das Wetter viel zu schön. Es sind auch nur noch 12 km bis Gingen.


Ach richtig, wir sind ja im Filstal. Wenn ich ehrlich bin, wird der Filstalradweg nicht unter den Topp 50 der deutschen Flussradwege landen. Dazu hat in diesem Tal die Industrialisierung einfach schon sehr früh und sehr heftig gewütet.
Die berüchtigte B10 hat die Ortschaften gnadenlos zerschnitten. Heute umgeht sie die Ortschaften bis Gingen, dann ist vorerst Schluss.
Langsam erholen sich die Ortschaften, aber nur langsam.
Aber die "Pension Wiedemann" ist Idylle pur.


Die B 10 neu verläuft jetzt am Hang hinter den Bäumen. Nicht zu sehen und nur ein wenig hörbar. Das ist hier ein großer Fortschritt. Aber gleich nach Gingen ist Schluss. Und wie es dann weiter gehen soll?  Da ist grandioser Planungspfusch am Werk. Der kann mit Stuttgart 21 konkurrieren.

Da ich schon um 14:00 angekommen bin, bleibt sogar genügend Zeit für Sightseeing. Wenn Ihr glaubt in Gingen/Fils gäbe es nichts zu sehen! Dann habt Ihr Euch gewaltig geschnitten.
Ehrlich gesagt, war ich schon so oft in Gingen, und sehe einiges heute auch zum ersten Mal.
Z.B.  die Johanneskirche, Wehrkirch von 980 rum. Mit einem Weihestein aus dem Jahre, 984.


Man sagt, dass es nicht viel ältere Schriftsteine gibt. Zur Weihe kam der Bischof von Konstanz. Hätte mich mal interessiert, wie lange er damals nach Gingen gereist ist!

Aber auch die Fresken aus dem 16.Jahrhundert, die erst in den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts entdeckt wurden, haben mir sehr gefallen.

Das Jüngste Gericht, mit Höllenschlund und sich öffnenden Gräbern, mit Engeln und Teufeln und Allem was dazu gehört.
Fantastisch.
Nicht minder fantastisch fand ich die Bilder der Stifterfamilie.


Auf er linken Seite des Chors, ganz rechts, der Ulmer Stadthauptmann Eitel Sigmund von Berg, hinter ihm seine 9 Söhne, zwei sind erwachsen, sie haben schon einen Degen.
Auf der rechten Seite Frau Eitel, mit 3 noch unverheirateten Töchtern, sie sind eindeutig noch nicht
"unter der Haube". 



Man kann es gerade noch so erkennen, oder?
Es gab in der alten Wehrkirche noch allerlei zu entdecken, z.B. herrliche Köpfe


Es riecht bereits seit einiger Zeit dermaßen köstlich von unten rauf, dass ich es an dieser Stelle einfach mal gut sein lasse.
Morgen ist Ruhetag! Mit einem Besuch in meinem Geburtsort Geislingen.
Bis Morga und Gsond!

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