Montag, 6. Juli 2020

22. Tag: Von Neckargerach nach Heilbronn




Ein wunderschöner Morgen. Ein kalter Wind, die Sonne im Gesicht, den Wind im Rücken und die richtige Neckarseite gewählt. Besser kann der Tag nicht beginnen. Und wieder reiht sich eine beeindruckende Burg an die andere. Müsste ich nicht ... wenigstens eine... einmal hinauf in luftige Höh´? 
Der Radweg am Neckar ist viel zu schön.


Aber die Burgen werden auch immer beeindruckender.




Gegen 11:00 ist Schluss mit ufernahem Radeln. Es wird wieder eng im Tal und der Radweg zieht ab in die Höhe.




Bei der Abfahrt zurück zum Fluss gibt meine Vorderbremse sehr hässliche Geräusche von sich. Da bremst Metall auf Metall. Nicht schön.

Unten in Haßmersheim komme ich direkt an einem Fahrradgeschäft vorbei. Wow, wieder einmal Glück gehabt. 
Während ich meine 11:00 Uhr Banane mümmle, montiert mir die nette Fahrradhändlerin, die eigentlich gerade ein E-Bike verkauft, ruckzuck, solange die Dame auf Probefahrt ist, neue Bremsklötzchen. Das war Erste Sahne!!


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Dann kommt Wimpfen! Nun gibt es kein Vertun mehr. Einmal muss der Jung nach oben!


Es gibt zwar Bad Wimpfen am Berg und Wimpfen im Tal. Aber Wimpfen am Berg ist eindeutig die Sehenswertere. Obwohl Wimpfen im Tal strategisch mal wichtiger war. 
Also gut, nach oben! 
Und es hat sich wirklich gelohnt.


Fachwerkhäuser, Kaiserpfalz, Staufer, Friedrich Barbarossa, auf Reiseführerisch "ein Juwel unter den Neckarstädten".




Das Steinerne Haus tut nur so, als hätte es Kaiser Friedrich Barbarossa beherbergt. Von der eigentlichen Pfalz sind nur noch Reste erhalten. Im 13. und 14. Jahrhundert sind die Stauferkaiser regelmäßig hier gewesen. Aber keine Angst. Heute gibt es keine Geschichtsstunde. Die Arkaden sind die Reste vom ursprünglichen Palas.


Der Blick auf das Neckartal und die Jagstmündung hat die Anstrengung allein schon gelohnt.



Besonders schön sind in Bad Wimpfen, die Nebengassen, mit den Gärtchen.




Wenn Euch das Städtchen etwas ausgestorben erscheint, - den Eindruck hatte ich auch. Es war schon etwas surreal durch die fast leeren Gassen zu flanieren. Durch Heidelberg schieben sich die Menschenmassen und hier? Gääähnende Leere. Viele Läden haben noch gar nicht wieder aufgemacht. Manche sehen so aus, als würden sie auch nicht wieder aufmachen. In einem solchen Touri-Hotspot sind die Mieten wahrscheinlich durch die Decke gegangen. Und jetzt, kann das niemand mehr verkraften. 


Der berühmte Blaue Turm ist komplett eingerüstet! Schade! Das Bild ist am Gerüst - deshalb hat er auch einen Knick in der Mitte.
Wieder unten, ein kurzer Abstecher nach Wimpfen im Tal.
Die Ritterstiftskirche  eine Enttäuschung. In der riesigen Kirche (auch Baustelle) brennt nur eine einzige Glühbirne. Zappenduster!


Neben Bad Wimpfen liegt eigentlich noch Bad Friedrichshall. Salzbergwerk. Nö, jetzt bin ich schon hochgeastet, jetzt muss ich nicht auch noch in die Tiefe. Dann schon lieber Neckarsulm! NSU- Zweiradmuseum. Das wäre doch was nach dem ganzen Mittelaltergedöhns. 
MONTAG! - Kann man nichts machen. Dann ein andermal.
Also weiter nach Heilbronn.
Das ist nun wirklich das komplette Kontrastprogramm zur Neckartalromantik, Juwel des..., Perle des... Ich kann mich an nur wenige Stadteinfahrten erinnern, die hässlicher gewesen sind als die nach Heilbronn hinein.
Da gehörten die Audi-Werke noch zu den architektonischen Schmankerln.



Danach wurde es richtig schlimm. Hafengelände, Schrotthalden, Altmetall. Staub, Lärm, Lastwagenverkehr. 
Danach, Baustoffmärkte., Fliesenzentren, Fabriken.
Albert, der ja Städte wirklich nicht kann, ist wohl selbst depressiv geworden und hat mich in den Hof einer Schrottverwertungsgesellschaft gelotst, da wir selbst Albert zum Sensibelchen!
8 km insgesamt vom Hässlichsten.

UND DANN IST MAN IN HEILBRONN!

Wie kam ich nur auf diese Schnapsidee in Heilbronn Zwischenstopp zu machen. 
Ich kann mich nicht erinnern eine verkorkstere Innenstadt gesehen zu haben, als die von Heilbronn.
Neben den großen Kaufhäusern, Wettbüros, Nagelstudios, Lotto/Totto, - und Eisdielen.



Um Gotteswillen, das bisschen Geschichte, hätte man doch wahrlich auch noch sprengen können.
Natürlich kann Heilbronn nichts dafür, dass es Ende des II.Weltkrieges platt gemacht worden ist. Aber das erklärt nicht Alles!


Z.B. warum zugedröhnte Sparkassenbosse, stücker 13 Spidermänner mit Froschhänden an ihrer Fassade rumturnen lassen. 
Wenn es einmal dereinst so weit sein wird, dass Automozän abgehakt ist, dann wird Heilbronn zum "Weltkulturerbe" erklärt als Beispiel für die perfekte "autogerechte Stadt"




Aber Halt! Ehe ich mich weiter in Rage schreibe, Heilbronn hat auch Sehenswertes. Inmitten der Galeria Kaufhof, tipico, H&M, Ödnis, die Kilianskirche


Vor allem der Turm hat es in sich. Es ist ein Beispiel von früher Renaissance in Süddeutschland, mit dem ganzen Programm der protestantischen, antikatholischen Symbole. Da gibt es Affen in Mönchskutten, Vogelwesen mit Tonsur und gespaltener Zunge, und....



der rechte Kopf hat eindeutig eine Tonsur und ist ein "Lügenmaul".  Leider kann 
man den Turm derzeit nicht besteigen, Das hätte mich wirklich interessiert. 



Dieses Skorpiondrachengezücht mit den vollen Zitzen, das sind die giftigen Lehren Roms... usw.

Aber das Ganze wird wortwörtlich getoppt vom Männle, vom "Steinernen Mann" auf der Turmspitze, kein christliches Symbol, kein Hahn, sondern ein Bürger, hält Stolz die Fahne in den Wind.



Dann gibt es natürlich auch noch das Rathaus. Wirklich schön.


Aber man darf nicht nach rechts oder links schauen! Da beginnt das Heilbronner Grauen aufs Neue.







Wenn man nur wüsste, dass in Heilbronn das Richtige abgerissen würde, könnte man der Stadt nur mehr Abrissbirnen wünschen.

So jetzt ist aber gut mit Heilbronn-Bashing. Etwas Versöhnliches zum Schluss.
Ich habe tatsächlich das heutige Gedicht auf der Straße gefunden.

Am Denkmal von


Julius Robert Mayer, der mit seinen Überlegungen zur "Energieerhaltung" und der Formulierung des 1. Hauptsatzes der Thermodynamik einen "Meilenstein"... Ihr kennt ja die Superlativrethorik! Aber der Julius hat wirklich seinen Platz auf dem Marktplatz in Heilbronn verdient, und auch das Gedicht auf dem Sockel.



Schluss jetzt!
Frieda hat Ihren Abschlussbericht aus Engen geschickt, wo sie inzwischen wieder wohlbehalten angekommen ist:



Da fährt er dahin,
Tschüss und gute Fahrt!!!!

Meine Rückreise von Heidelberg war sehr entspannt, alles hat geklappt. Also ich hab ja immer damit gerechnet, dass ich noch irgendwo im Schwarzwald in einen Schienenersatzverkehr reinrausche und der Bus mich nicht mitnimmt und ich dann von Hornberg bis Triberg mit dem Rad strampeln darf. Aber nein, alles super, danke DB!

Und jetzt wird ja noch ein Fazit fällig:

Radwandern in Deutschland ist super: die Radwege sind vorhanden, gut ausgeschildert und der Radweg meistens gut zu befahren. Selbst wenn man orientierungsmäßig eine Nulpe ist- so wie ich, ja ich geb‘s ja zu- kann man den Weg finden. Ich mag das! Sehr sogar!

Überraschend schön waren die Strecken von denen wir nicht viel Gutes erwartet hatten: z.B. die Tour von Worms nach Heidelberg, vorbei an Ludwigshafen-Mannheim und an sehr sehr großen Industrieanlagen. Der Radweg war immer im Grünen, man konnte die Industrie von weitem bestaunen und sich Gedanken machen wofür all die Walzen, Kamine, Rohre, Rutschen, Leitern, Halden, Loren, Kräne, Zacken und Roste und Gitter wohl da sind.

Badebewertung:
Neckar: sehr schön zum Schwimmen und lange drin bleiben,
Main: sehr schön, aber viel Strömung,
Regnitz in Bamberg: erfrischend und viel Spaß,
Rhein: sehr starke Strömung, -ist ja ein Strom, gell!- da muss man ortskundig sein und wir haben niemanden im Wasser gesehen.
Donau: niente, da wurden wir von oben geduscht- kann die Donau ja nichts dafür, …trotzdem!
Main-Donaukanal/Altmühl: da gab es irgendwie nie eine gute Stelle, sehr kanalig oder sehr sumpfig
Und dann gab’s noch den wunderschönen St. Agathasee

Reiseleitung und Gerätewart waren wie immer einsA, auch wenn ich mich manchmal über den einen oder den anderen lustig gemacht habe. Sorry Ihr Lieben!

Radhose bzw. Hintern: Ich hatte versucht, mal ein bisschen schicker und nicht wie die Wurst auszusehen: Röckchen und Innenhose sahen wirklich besser aus. Aber…schlechte Idee…ganz schlecht…ganz ganz schlecht! Schönheit wird überschätzt! Zum Glück hatte ich meine alte Wurstpelle dabei… Ahhhhhh, die Radtour war gerettet!
Kultur: interessant, schön diese Städte die eigentlich so nahe liegen mal richtig anzuschauen. Und mit unserem Reiseleiter durch eine Kirche zu gehen, ist oft sehr amüsant.
Kulinarik: durchweg gutes Essen, oft regionale deftige Küche, das mag man als Radfahrer ja ganz gerne. Kloß und Sauerkraut, Schweinebraten, Rouladen, Bachsaibling, Matjes (naja regional? Aber lecker), Bratkartoffeln, Schluzkrapfen (auch nicht ganz regional), frische Salate, frisches Gemüse, Grüne Soß, mal auch ein Italiener oder Grieche. Fast ohne Ausnahme sehr gut und bezahlbar.
Und dann der Silvaner und später der Riesling und der Bacchus (den hatte ich noch nie getrunken), ein großer Genuß.
Manne hatte auch sehr viel Freude am Bierausprobieren und an Kutteln, Leberknödel und Saumagen und solchen Sachen.



Statistik: wir waren 20 Tage zusammen unterwegs, an 18 Tagen sind wir gefahren und es kamen 1160 km zusammen. Geregnet hat es nur die ersten beiden Tage, am zweiten Tag sehr heftig, und danach war gutes Radlwetter.


Fazit vom Fazit: Eine wunderschöne Reise! 

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