Wer hat das schon ahnen können, dass Heilbronn die Dr. Jekyll und Mr. Hide Stadt dieser Tour ist. Mr. Hyde war gestern. Sorry, Heilbronn, dass ich dich gestern so gebasht habe. Heute Morgen hast Du deine Schokoladenseite gezeigt. Die 2.beste Ausfahrt aller Zeiten.
War nicht die Bundesgartenschau letztes Jahr in Heilbronn?
Das war garantiert der Eingangskassenbereich. Der Auenpark heute Morgen war wirklich genial. Und nur ein Blick über die Schulter lässt den eilends entfliehenden Radler an den gestrigen Nachmittag denken.
Und das ist Dr.Jekyll Heilbronn
Bald radle ich neben, unterhalb oder zwischen Weinbergen. Der Neckar hat sich den Durchbruch durch den Keuper gefräst, sehr beeindruckend.
"Wa machschd Du do?" Tönt es von oben. "A Fodo!" "Worom?" "Isch do sche!" "Gell!"
Kann das sein, dass ich mich je näher ich mich meiner "Alten Heimat" nähere, verändere? Hier versteht man sich ohne viel Worte zu machen! Diesen Dialog habe ich nicht erfunden. Der hat stattgefunden! Von Schwabe zu ? Schwabe!
Die heutige Etappe habe ich bewusst kürzer gehalten. Zwei absolute Höhepunkte der ganzen Reise (für mich) stehen heute an. Lauffen und Marbach. Jetzt wird es richtig heftig! Hölderin und Schiller. Aber keine Sorge! Ich werde Euch nicht literatur/historisch/poetisch zutexten.
Abgesehen davon, dass Hölderlin in Lauffen am Neckar geboren wurde, ist das Städtchen auch so ein Schmuckstück.
Ich muss Euch ehrlich gestehen, die Regiswindiskirche hat mich erheblich mehr begeistert als das Hölderlinhaus. Doch davon später.
Die Regiswindiskirche ist an sich eine protestantisch bereinigte Kirche, also langweilig. Wären da nicht die 4 Bilder zur Regiswindisgeschichte.
Im Jahr Achthundert dreissig zway
Regiert Herr Ernst Fürst aus Nordgay
Zu Lauffen ,
dass ihm geben hat
Die Kayserliche Majestat
Daselbst gab Ihm sein gmahl zur handt
Ein einigs döchterlein, genandt
Regiswindis, das würt zur stundt
Einer Seugmutter pflag zur vergundt
Diß weibs bruder, des fürsten knecht
Am schloss sollt hüet der Pferden recht
So gehen sie schaden als er gwichen
Drumb ward er öffentlich gestrichen.
Die rütten Züchtigung verdroß
Die Seugamm mordt das kind im Schloss
Würffts todt im Nekher schwimpt empor,
Würd gfunden, und gelegt im chor!
Schnurzpiepegal, dass dies nicht mehr die Originale vom Ende des 15. Jahrhunderts sind. Die Regiswindisstory ist so heiß!
Eigentlich hat ja die kleine Regiswindis nichts weiter geleistet, als sich ermorden zu lassen. Und dafür dass sie tot wieder "aufgetaucht" ist - was schon mal vorkommen kann, wird sie heilig gesprochen und erfährt in der Region lange große Verehrung! Die so weit geht, dass man Töchter noch lange Regiswindis getauft hat. Da sind die Hadwigs in Singen, oder die Nothburgas in Hochhausen ja noch harmlos dagegen, oder etwa nicht!(habe ich doch glatt vergessen Euch von meinen vergeblichen Bemühungen, um die Geschichte von der Einsiedlerin von Hochhausen gestern zu berichten?)
Wenn je eine ernst zu nehmende Geschichte des Comicstrips geschrieben werden sollte, Lauffen und Regiswindis gehört unbedingt hinein.
Ach ja, ich wollte ja noch das Geburtshaus von Friedrich Hölderlin besuchen.
Was sich als gar nicht so einfach erweist. Lauffen hat es nicht so mit touristischen Wegweisern, wie
"Hölderlingeburtshaus 600m links" - eigentlich gibt es überhaupt keine touristische Infrastruktur.
Doch ich komme der Sache näher. Zuerst das Kloster
in dem Papa Hölderlin Klosterverwalter war. Dann das Hölderlin-Denkmal
Schöner Gedichtauszug übrigens:
Seliges Land! Kein Hügel in dir wächst ohne den Wein.
Nieder ins schwellende Gras regnet im Herbste das Obst.
Fröhlich baden im Strome den Fuß die glühenden Berge
Kränze von Zweigen und Moos kühlen ihr sonniges Haupt.
Ich hab´Euch gewarnt, die heutige Etappe wird etwas lyriklastig!
Schließlich finde ich das Hölderlin Geburtshaus doch, nach einigem Rumfragen:
Baustelle!
Und coronahalber geschlossen! Nur angemeldete Führungen. Na, das kennen wir ja schon.
Dann halt die 11-Uhr-Banane.
Da fällt mir ein, dass liebe Freunde aus Engen vor Jahren hier in die Gegend gezogen sind. Ich rufe mal an. Karin ist zu Hause. Die Kinder kommen in einer Stunde von der Schule, dann gibt es Mittagessen, ich soll doch kommen. Von Lauffen ist das leicht zu schaffen. Ich gebe die Straße in den Albert ein.
Und radle los. Nach einer Stunde bin ich in Bietigheim. Und noch immer kein Schild, das nach Bönningheim weist. Ich rufe noch einmal an, shit aber auch! In Bietigheim gibt es auch eine Strombergstraße! Da muss was schief gelaufen sein! Mein Mittagessen wird warm gehalten, aber 13 km zurück?
Dann halt Mittagspause in Bietigheim! Bietigheim, Bissingen, Bönnigheim, Besigheim - das muss den "Fremden" doch verwirren!
"Hie gut Wirtemberg allweg!"
Steht auf dem Stadttor. Nun gibt es keinen Zweifel mehr! Ich radle in die schwäbischen Stammlande ein!
Der Umweg über Bietigheim wäre nicht nötig gewesen. Trotzdem komme ich noch gut in der Zeit in Marbach an.
Genug Zeit um den nächsten literarischen Hotspot zu erkunden.
Schillers Geburtshaus, klar doch!
Und im Gegensatz zu Lauffen, ist das Schillerhaus geöffnet. Da Mutter Schiller mit Töchterchen eigentlich nur ein Zimmer - die beiden Fenster unten links bewohnt hat, während Vater Schiller, die Flocken beim Militär verdienen musste, gibt es eigentlich nicht viel zu sehen.
Ich habe es ja nicht so mit dem genius loci, mich weht er eher selten an!
Die Heldenverehrung des 19. Jahrhunderts, die auch zur Schiller-Hype geführt hat, ist aus heutiger Sicht schon ein wenig befremdlich.
ABER, ich bin heute nun mal im Marbach - dem Ort Schillers, dem Schiller-Nationalmuseum, dem Literaturmuseum der Moderne und dem Deutsche Literaturarchiv, da müsst Ihr durch: Noch mehr Literatur.
Im Literaturmuseum der Moderne ist eine total spannende Ausstellung über Hölderlin und Celan.
Jetzt könnt Ihr zu recht fragen, wie kann man überhaupt eine Ausstellung über Literatur machen.
Die Marbacher sind ganz gewieft darin, das Unmögliche möglich zu machen.
Die "Heiligen Hallen" der deutschsprachigen Literatur sind vielleicht ein wenig zu "aufgemotzt" - aber die Schätze, die in Marburg lagern sind einfach enorm. Kafka, Brecht, Enzensberger, Bernhard, Morgenstern, Michael Ende, Kästner, Fichte, Peter Weiß, ..... einfach Alle sind in Marbach "eingelagert" und die ausgewählten Exponate sind wirklich "highlights", Tagebücher, Skizzen, Zeichnungen, Bilder. 2 Stunden reiche nicht ansatzweise - und irgendwann wird man rammdösig ob der Fülle.
Aber wie kann man Hölderlin und Celan ausstellen. Da haben sich die Marbacher einiges einfallen lassen. Gleich am Eingang bekommt man eine Papiertüte und beim Rundgang kann man "Karten" einsammeln. Wörter die Hölderlin, wie oft benutzt hat. Das hört sich erst einmal schräg an, war aber total faszinierend. Für Friederike habe ich mal die Karte
ausgesucht.
das sind die Stellen, in denen Wasser bei Hölderlin auftaucht. Diese Karten sind schon wieder neue Gedichte.
Und das ist nur eine kreative Annäherung!
Bis dahin, das man sich selbst beim Studieren der Exponate fotografieren kann.
Literaturbetrachtungen sind toll - mit Maske und Pflichthandschuhen auf Dauer aber anstrengend!
Anstrengender als Radfahren!
Und Morgen weniger Hochgestochenes, versprochen!
Schaut wieder vorbei! Ich würde mich freuen.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen